{"id":1474,"date":"2020-06-30T15:44:47","date_gmt":"2020-06-30T15:44:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schmitzendrin.de\/?p=1474"},"modified":"2021-10-31T16:29:42","modified_gmt":"2021-10-31T16:29:42","slug":"von-autofahrten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schmitzendrin.de\/?p=1474","title":{"rendered":"Von Autofahrten"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Aufruf von Doris D\u00f6rrie \u00fcber Instagram: Schreibe von Autofahrten<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">Fr\u00fcher sa\u00dfen wir zu Dritt im Auto auf der Hinterbank. Ich als J\u00fcngste in der Mitte oder wir losten, wer in der Mitte sitzen musste. Losen deswegen, weil in der Mitte zu sitzen als gef\u00e4hrlich galt. Sie sagten mir, dass ich bei einer scharfen Bremsung durch die beiden Vordersitze fliegen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">Fr\u00fcher waren die beiden vorderen Sitze weiter auseinander montiert. Die L\u00fccke war riesig. So breit, dass ich auf jeden Fall von hinten bis zur Frontscheibe fliegen w\u00fcrde. Und fr\u00fcher gab es an den Hintersitzen keine Anschnallgurte. Irgendwann hatte ich in der Mitte den \u201eFlugzeuggurt\u201c, der quer \u00fcber den Bauch ging und locker sa\u00df, so sehr wir auch versuchten ihn stramm zu ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">Wenn ich nicht in der Mitte sitzen musste, sa\u00df ich immer rechts hinter dem Beifahrersitz, hinter meiner Mutter.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">Wir fuhren oft zu den Gro\u00dfeltern. Wir standen am Wochenende fr\u00fch auf und ich setze mich m\u00fcde und etwas benommen ins Auto. Ein passendes K\u00f6rpergef\u00fchl, um zu tr\u00e4umen. Fr\u00fcher bin ich in die Strecke geritten. Heute bin ich in den Tagtr\u00e4umen nicht mehr im Sattel unterwegs.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">Unsere Fahrt von zu Hause bis zu den Gro\u00dfeltern dauerte knapp eineinhalb Stunden. Davon ein Teil am Rhein entlang, eine Strecke \u00fcber die Autobahn, von der H\u00f6he kurvenreich runter ins Tal, die Mosel entlang, dann einen Berg wieder rauf und den letzten Teil der Fahrt \u00fcber das Bergplateau.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">Fr\u00fcher gab es hinten keine Smartphones, keine Videos, keine Spielauswahl. Fr\u00fcher gab es anstrengende Geschwister, die versuchten mich mit Lakritz zu vergiften und ihre Schultern zu nah an meinem Oberk\u00f6rper hatten. Vorne lie\u00df mein Vater das Radio so lange laufen, bis meine Mutter sagte, dass ihr das Gedudel auf die Nerven ging.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">Ganz fr\u00fcher hatten wir kein Auto. Da sagten wir: \u201eAlle haben ein Auto, nur wir nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">Fr\u00fcher schaute ich rechts aus dem Fenster und stellte mir vor, dass ich auf einem Pferd neben dem Auto her galoppieren w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">Die erste Strecke am Rhein entlang f\u00fchrte uns durch D\u00f6rfer. Wenn mein Vater Pech hatte, fuhr ein LKW vorneweg und er musste in einer Reihe von Autos langsam hinterherfahren. Dabei sollten wir doch zeitig noch vor dem Mittagessen bei den Gro\u00dfeltern sein. Die H\u00e4user und gro\u00dfen Grundst\u00fccke der D\u00f6rfer gingen bis zur Stra\u00dfe. Manchmal gab es gro\u00dfe G\u00e4rten, manchmal stand Haus an Haus. In einem Dorf stoppten wir oft an einem Zebrastreifen, direkt vor einer Kirche. Die Leute waren unterwegs zur Messe. Bei einem anderen Dorf stand ein kleines Haus auf einem Bergvorsprung. \u201eDort wohnt Heidi\u201c riefen wir jedes Mal. Ich ritt den Berg zu ihr hinauf.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">Auf der Fahrt sahen wir einen Rheinarm, auf dem Boote zwischen einer Halbinsel und dem anderen Rheinufer lagen. Auf der Insel zwischen den B\u00e4umen standen Wohnwagen. Ich und mein Pferd ritten vorw\u00e4rts, ohne die Camper zu beachten.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">Fr\u00fcher lenkte mein Vater das Auto an den Burgen und Schl\u00f6ssern an Rhein und Mosel vorbei. Burg Dattenberg, Schloss Arenfels, Niederburg Kobern, Schlossgut Liebieg, Burg Thurant, Burg Wildburg. Ich sa\u00df nie seitw\u00e4rts im Sattel, nie in einem langen dunklen Rock. Ich trug Hosen und zeigte den Burgherren was es hie\u00df eine tapfere junge Frau zu sein. Den Herren und F\u00fcrsten von der Leyen ritt ich in ihrem Wasserschloss Lehmen \u00fcber den Fr\u00fchst\u00fcckstisch.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">Im Herbst passierten wir die Weinfeste. Immer achtsam, um keinen angetrunkenen Besucher anzufahren. Viele Busse standen am Moselufer und unz\u00e4hlige Menschen waren unterwegs. Im Winter lag Schnee auf den Feldern und den Weinbergen. Die Stra\u00dfe war frei und der Matsch spritzte an die Seite des Autos. W\u00e4hrend der Hochwasser sah ich in den Fl\u00fcssen die K\u00fchlschr\u00e4nke und Liegest\u00fchle schwimmen. Im Fr\u00fchjahr strahlte der Raps mit seinem starken Gelb und die Weinbl\u00e4tter an den H\u00e4ngen hellgr\u00fcn. Im Sommer lag die Reisetasche im Kofferraum und ich blieb f\u00fcr einige Wochen bei den Gro\u00dfeltern.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">W\u00e4hrend dieser Fahrten ritt ich \u00fcber Felder und \u00c4cker, die neben der Autobahn lagen. Z\u00e4une \u00fcbersprang ich m\u00fchelos auf meinem Pferd. Am Wasser ritt ich zwischen dem Fluss und der Stra\u00dfe. Immer weiter, ohne m\u00fcde zu werden weiter zu tr\u00e4umen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">Wenn ich die Mosel sah, war die H\u00e4lfte des Weges geschafft. Die Mosel ist immer gr\u00fcn. Gelbgr\u00fcn, wenn die Bl\u00e4tter der Reben in ihrer hellen Farbe wachsen und Tannengr\u00fcn, wenn die Bl\u00e4tter von den B\u00e4umen fallen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">Immer wieder mit dem Auto die bekannte Strecke zu fahren, hie\u00df mit geschlossenen Augen, auf der letzten kurvenreichen Strecke genau zu wissen, wo wir uns befanden. Ist das die letzte Kurve vor einem geraden St\u00fcck? Dann rechts, noch ein paar Kurven, Pflastersteine, rechts und wir waren da.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">Oder hatte ich falsch gelegen? Dasselbe Spiel auf der R\u00fcckfahrt. Das letzte St\u00fcck Stra\u00dfe bis zum Haus war mit Splitt ausgelegt, die ihr eigenes Ger\u00e4usch unter den Reifen machen. Das knirscht sch\u00f6n und ich h\u00f6rte, dass wir zur\u00fcck waren. Manchmal verschlief ich die R\u00fcckfahrt und wachte erst bei dem bekannten Ger\u00e4usch wieder auf.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir fr\u00fcher Wasserflaschen oder etwas zu Essen dabei hatten. Wir hatten h\u00f6chstens noch den Rest Brot vom Fr\u00fchst\u00fcckstisch in der Hand. Fr\u00fcher mussten wir die Autofahrt so \u00fcberstehen. Nur mit dem vergifteten Lakritz.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">Fr\u00fcher sa\u00dfen wir hinten im Auto und haben Ratespiel gel\u00f6st. \u201eIch sehe was, was du nicht siehst\u201c, Autokennzeichen- Raten. Wir haben auch Gedichte aufgesagt. Mein Bruder rezitierte den \u201eRitter Fips\u201c von Heinz Erhardt. \u00dcber die Zeilen des Gedichtes haben wir gelacht. \u201eEs stand an seines Schlosses Br\u00fcstung, der Ritter Fips in voller R\u00fcstung.\u201c Gesungen haben wir selten.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">Auf sp\u00e4teren Autofahrten mit meiner Freundin, haben wir Lieder von der Cassette mitgesungen. Meine Sing-Freundin hat eine sch\u00f6ne Stimme. Wir sangen beim Rudern, im Urlaub und bei unserem Ferienjob. Die Autofahrten waren meistens kurze Fahrten zu einer Verabredung, zur Disco. Das Singen war befreiend, genauso wie das Autofahren als junge Erwachsene befreiend war. Wir f\u00fchlten uns frei. Irgendein Auto von irgendwelchen Eltern, brachte uns durch die Welt. Ans Meer, zu Festivals, in die gro\u00dfe Stadt und nie zum Fr\u00fchst\u00fccken nach Paris. Wir fuhren spontan am Silvesterabend von Bonn ins Ruhrgebiet und in den Morgenstunden wieder zur\u00fcck. Wir packten Tequila und Zigaretten ein. Nie Wasser, nie was zu Essen. Essen wurde unterwegs gekauft. Das war ein Halt an einer Tankstelle. Heute halten wir an der Tankstelle, damit ich auf Toilette gehe.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">Fr\u00fcher waren die Autofahrten ein Abenteuer. Die erste Fahrt durch Paris. Blo\u00df aufpassen, die richtige Ausfahrt zu erwischen, w\u00e4hrend ich \u00fcber den Stadtring sauste. Die Autofahrten nachts von der Disco zur\u00fcck, um Freunde in entlegene Orte zu bringen. Eigentlich war es immer nur ein Freund und ein Dorf. Mir machte es nichts aus, keinen Alkohol zu trinken und ich konnte sicher sein, dass ich in mein eigenes Dorf zur\u00fcckkam.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">Als Kind und Jugendliche konnte ich mich auf Autofahrten langweilen. Das war spannend. Zwischendurch erlebte ich als junge Erwachsene Autofahrten, die mich nur von A nach B brachten. Vornehmlich, wenn Erwachsene fuhren und mich nur mitnahmen. Da wartete bei \u201eB\u201c das Abenteuer auf mich. Fr\u00fcher habe ich zwischen A und B geschlafen. Auf einer 16-st\u00fcndigen Fahrt auf dem R\u00fccksitz mit minimalem Platz zwischen meiner Freundin, diversen Decken und einem Staubsauger, haben wir beide die ganze Fahrt verschlafen. Von dieser Fahrt wird heute noch erz\u00e4hlt. \u201eSie haben alles verschlafen, und sind erst am Meer aufgewacht.\u201c Waren wir mit 18, 19 Jahren so m\u00fcde? Ich bin mit dem Auto, Bus und Zug in andere L\u00e4nder gereist. Nach Italien, an die Adriak\u00fcste, Slowenien, Toskana, Bretagne, Niederlande, \u00d6sterreich, S\u00fcdfrankreich, D\u00e4nemark, Belgien, Kroatien, Ostsee \u2013 alles auf R\u00e4dern erreicht. Alle diese Reisen mit dem Auto waren ein Abenteuer.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">Fr\u00fcher war nicht alles anders. Das Abenteuer habe ich mitgenommen. Trotz, dass jetzt im Auto Wasser und Brote dabei sind.&nbsp; Ich packe, egal wie lange die Fahrt dauert oder wie alt die Kinder sind, etwas zu Trinken und zu Essen ein. Mit Lakritz werde ich nicht mehr vergiftet. Ich fahre mit dem Auto in Urlaub. Und das Urlaubsgef\u00fchl beginnt mit dem Starten des Motors. Wenn ich an der Seite sitze, reite ich nicht mehr neben her, aber ich tr\u00e4ume. Die Landschaft zieht vorbei und ich gebe mich den Tagtr\u00e4umen hin.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">Auf dem R\u00fccksitz gibt es immer noch kein Smartphone oder eine ausgekl\u00fcgelte Spielesammlung. Wir spielen \u201eIch sehe was, was du nicht siehst\u201c oder andere Ratespiele. Oder wir h\u00f6ren. Das hat mein Mann mit ins Autofahren gebracht: H\u00f6rspiele. Abenteuer zu h\u00f6ren von Jules Verne oder den R\u00e4tseln der \u201eDrei Fragezeichen\u201c, l\u00e4dt auch zum Tr\u00e4umen ein. Gemeinsame Autofahrten dauern immer noch lange. Sch\u00f6n lange. Lange genug, um die Freiheit des Fahrens zu genie\u00dfen. Und kurz genug, um nicht zu verhungern.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px\">Und genau richtig, um neben dem Auto her zu galoppieren oder sich eine eigene Welt vorzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Bildquelle: Carlos Fernando Bendfeldt on Unsplash<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufruf von Doris D\u00f6rrie \u00fcber Instagram: Schreibe von Autofahrten Fr\u00fcher sa\u00dfen wir zu Dritt im Auto auf der Hinterbank. Ich als J\u00fcngste in der Mitte oder wir losten, wer in der Mitte sitzen musste. Losen deswegen, weil in der Mitte zu sitzen als gef\u00e4hrlich galt. Sie sagten mir, dass ich bei einer scharfen Bremsung durch die beiden Vordersitze fliegen w\u00fcrde. Fr\u00fcher waren die beiden vorderen Sitze weiter auseinander montiert. Die L\u00fccke war riesig. So breit, dass ich auf jeden Fall von hinten bis zur Frontscheibe fliegen w\u00fcrde. Und fr\u00fcher gab es an den Hintersitzen keine Anschnallgurte. Irgendwann hatte ich in der Mitte den \u201eFlugzeuggurt\u201c, der quer \u00fcber den Bauch ging und locker sa\u00df, so sehr wir auch versuchten ihn stramm zu ziehen. Wenn ich nicht in der Mitte sitzen musste, sa\u00df ich immer rechts hinter dem Beifahrersitz, hinter meiner Mutter. Wir fuhren oft zu den Gro\u00dfeltern. Wir standen am Wochenende fr\u00fch auf und ich setze mich m\u00fcde und etwas benommen ins Auto. Ein passendes K\u00f6rpergef\u00fchl, um zu tr\u00e4umen. Fr\u00fcher bin ich in die Strecke geritten. Heute bin ich in den Tagtr\u00e4umen nicht mehr im Sattel unterwegs. Unsere Fahrt von zu Hause bis zu den Gro\u00dfeltern dauerte knapp eineinhalb Stunden. Davon ein Teil am Rhein entlang, eine Strecke \u00fcber die Autobahn, von der H\u00f6he kurvenreich runter ins Tal, die Mosel entlang, dann einen Berg wieder rauf und den letzten Teil der Fahrt \u00fcber das Bergplateau. Fr\u00fcher gab es hinten keine Smartphones, keine Videos, keine Spielauswahl. Fr\u00fcher gab es anstrengende Geschwister, die versuchten mich mit Lakritz zu vergiften und ihre Schultern zu nah an meinem Oberk\u00f6rper hatten. Vorne lie\u00df mein Vater das Radio so lange laufen, bis meine Mutter sagte, dass ihr das Gedudel auf die Nerven ging. Ganz fr\u00fcher hatten wir kein Auto. Da sagten wir: \u201eAlle haben ein Auto, nur wir nicht.\u201c Fr\u00fcher schaute ich rechts aus dem Fenster und stellte mir vor, dass ich auf einem Pferd neben dem Auto her galoppieren w\u00fcrde. Die erste Strecke am Rhein entlang f\u00fchrte uns durch D\u00f6rfer. Wenn mein Vater Pech hatte, fuhr ein LKW vorneweg und er musste in einer Reihe von Autos langsam hinterherfahren. Dabei sollten wir doch zeitig noch vor dem Mittagessen bei den Gro\u00dfeltern sein. Die H\u00e4user und gro\u00dfen Grundst\u00fccke der D\u00f6rfer gingen bis zur Stra\u00dfe. Manchmal gab es gro\u00dfe G\u00e4rten, manchmal stand Haus an Haus. In einem Dorf stoppten wir oft an einem Zebrastreifen, direkt vor einer Kirche. Die Leute waren unterwegs zur Messe. Bei einem anderen Dorf stand ein kleines Haus auf einem Bergvorsprung. \u201eDort wohnt Heidi\u201c riefen wir jedes Mal. Ich ritt den Berg zu ihr hinauf. Auf der Fahrt sahen wir einen Rheinarm, auf dem Boote zwischen einer Halbinsel und dem anderen Rheinufer lagen. Auf der Insel zwischen den B\u00e4umen standen Wohnwagen. Ich und mein Pferd ritten vorw\u00e4rts, ohne die Camper zu beachten. Fr\u00fcher lenkte mein Vater das Auto an den Burgen und Schl\u00f6ssern an Rhein und Mosel vorbei. Burg Dattenberg, Schloss Arenfels, Niederburg Kobern, Schlossgut Liebieg, Burg Thurant, Burg Wildburg. Ich sa\u00df nie seitw\u00e4rts im Sattel, nie in einem langen dunklen Rock. Ich trug Hosen und zeigte den Burgherren was es hie\u00df eine tapfere junge Frau zu sein. Den Herren und F\u00fcrsten von der Leyen ritt ich in ihrem Wasserschloss Lehmen \u00fcber den Fr\u00fchst\u00fcckstisch. Im Herbst passierten wir die Weinfeste. Immer achtsam, um keinen angetrunkenen Besucher anzufahren. Viele Busse standen am Moselufer und unz\u00e4hlige Menschen waren unterwegs. Im Winter lag Schnee auf den Feldern und den Weinbergen. Die Stra\u00dfe war frei und der Matsch spritzte an die Seite des Autos. W\u00e4hrend der Hochwasser sah ich in den Fl\u00fcssen die K\u00fchlschr\u00e4nke und Liegest\u00fchle schwimmen. Im Fr\u00fchjahr strahlte der Raps mit seinem starken Gelb und die Weinbl\u00e4tter an den H\u00e4ngen hellgr\u00fcn. Im Sommer lag die Reisetasche im Kofferraum und ich blieb f\u00fcr einige Wochen bei den Gro\u00dfeltern. W\u00e4hrend dieser Fahrten ritt ich \u00fcber Felder und \u00c4cker, die neben der Autobahn lagen. Z\u00e4une \u00fcbersprang ich m\u00fchelos auf meinem Pferd. Am Wasser ritt ich zwischen dem Fluss und der Stra\u00dfe. Immer weiter, ohne m\u00fcde zu werden weiter zu tr\u00e4umen. Wenn ich die Mosel sah, war die H\u00e4lfte des Weges geschafft. Die Mosel ist immer gr\u00fcn. Gelbgr\u00fcn, wenn die Bl\u00e4tter der Reben in ihrer hellen Farbe wachsen und Tannengr\u00fcn, wenn die Bl\u00e4tter von den B\u00e4umen fallen. Immer wieder mit dem Auto die bekannte Strecke zu fahren, hie\u00df mit geschlossenen Augen, auf der letzten kurvenreichen Strecke genau zu wissen, wo wir uns befanden. Ist das die letzte Kurve vor einem geraden St\u00fcck? Dann rechts, noch ein paar Kurven, Pflastersteine, rechts und wir waren da. Oder hatte ich falsch gelegen? Dasselbe Spiel auf der R\u00fcckfahrt. Das letzte St\u00fcck Stra\u00dfe bis zum Haus war mit Splitt ausgelegt, die ihr eigenes Ger\u00e4usch unter den Reifen machen. Das knirscht sch\u00f6n und ich h\u00f6rte, dass wir zur\u00fcck waren. Manchmal verschlief ich die R\u00fcckfahrt und wachte erst bei dem bekannten Ger\u00e4usch wieder auf. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir fr\u00fcher Wasserflaschen oder etwas zu Essen dabei hatten. Wir hatten h\u00f6chstens noch den Rest Brot vom Fr\u00fchst\u00fcckstisch in der Hand. Fr\u00fcher mussten wir die Autofahrt so \u00fcberstehen. Nur mit dem vergifteten Lakritz. Fr\u00fcher sa\u00dfen wir hinten im Auto und haben Ratespiel gel\u00f6st. \u201eIch sehe was, was du nicht siehst\u201c, Autokennzeichen- Raten. Wir haben auch Gedichte aufgesagt. Mein Bruder rezitierte den \u201eRitter Fips\u201c von Heinz Erhardt. \u00dcber die Zeilen des Gedichtes haben wir gelacht. \u201eEs stand an seines Schlosses Br\u00fcstung, der Ritter Fips in voller R\u00fcstung.\u201c Gesungen haben wir selten. Auf sp\u00e4teren Autofahrten mit meiner Freundin, haben wir Lieder von der Cassette mitgesungen. Meine Sing-Freundin hat eine sch\u00f6ne Stimme. Wir sangen beim Rudern, im Urlaub und bei unserem Ferienjob. Die Autofahrten waren meistens kurze Fahrten zu einer Verabredung, zur Disco. Das Singen war befreiend, genauso wie das Autofahren als junge Erwachsene befreiend war. Wir f\u00fchlten uns frei. Irgendein Auto von irgendwelchen Eltern, brachte uns durch die Welt. Ans Meer, zu Festivals, in die gro\u00dfe Stadt und nie zum Fr\u00fchst\u00fccken nach Paris. Wir fuhren spontan am Silvesterabend von Bonn ins Ruhrgebiet und in den Morgenstunden wieder zur\u00fcck. Wir packten Tequila und Zigaretten ein. Nie Wasser, nie was zu Essen. Essen wurde unterwegs gekauft. Das war ein Halt an einer Tankstelle. Heute halten wir an der Tankstelle, damit ich auf Toilette gehe. Fr\u00fcher waren die Autofahrten ein Abenteuer. Die erste Fahrt durch Paris. Blo\u00df aufpassen, die richtige Ausfahrt zu erwischen, w\u00e4hrend ich \u00fcber den Stadtring sauste. Die Autofahrten nachts von der Disco zur\u00fcck, um Freunde in entlegene Orte zu bringen. Eigentlich war es immer nur ein Freund und ein Dorf. Mir machte es nichts aus, keinen Alkohol zu trinken und ich konnte sicher sein, dass ich in mein eigenes Dorf zur\u00fcckkam. Als Kind und Jugendliche konnte ich mich auf Autofahrten langweilen. Das war spannend. Zwischendurch erlebte ich als junge Erwachsene Autofahrten, die mich nur von A nach B brachten. Vornehmlich, wenn Erwachsene fuhren und mich nur mitnahmen. Da wartete bei \u201eB\u201c das Abenteuer auf mich. Fr\u00fcher habe ich zwischen A und B geschlafen. Auf einer 16-st\u00fcndigen Fahrt auf dem R\u00fccksitz mit minimalem Platz zwischen meiner Freundin, diversen Decken und einem Staubsauger, haben wir beide die ganze Fahrt verschlafen. Von dieser Fahrt wird heute noch erz\u00e4hlt. \u201eSie haben alles verschlafen, und sind erst am Meer aufgewacht.\u201c Waren wir mit 18, 19 Jahren so m\u00fcde? Ich bin mit dem Auto, Bus und Zug in andere L\u00e4nder gereist. Nach Italien, an die Adriak\u00fcste, Slowenien, Toskana, Bretagne, Niederlande, \u00d6sterreich, S\u00fcdfrankreich, D\u00e4nemark, Belgien, Kroatien, Ostsee \u2013 alles auf R\u00e4dern erreicht. Alle diese Reisen mit dem Auto waren ein Abenteuer. Fr\u00fcher war nicht alles anders. Das Abenteuer habe ich mitgenommen. Trotz, dass jetzt im Auto Wasser und Brote dabei sind.&nbsp; Ich packe, egal wie lange die Fahrt dauert oder wie alt die Kinder sind, etwas zu Trinken und zu Essen ein. Mit Lakritz werde ich nicht mehr vergiftet. Ich fahre mit dem Auto in Urlaub. Und das Urlaubsgef\u00fchl beginnt mit dem Starten des Motors. Wenn ich an der Seite sitze, reite ich nicht mehr neben her, aber ich tr\u00e4ume. Die Landschaft zieht vorbei und ich gebe mich den Tagtr\u00e4umen hin. Auf dem R\u00fccksitz gibt es immer noch kein Smartphone oder eine ausgekl\u00fcgelte Spielesammlung. Wir spielen \u201eIch sehe was, was du nicht siehst\u201c oder andere Ratespiele. Oder wir h\u00f6ren. Das hat mein Mann mit ins Autofahren gebracht: H\u00f6rspiele. Abenteuer zu h\u00f6ren von Jules Verne oder den R\u00e4tseln der \u201eDrei Fragezeichen\u201c, l\u00e4dt auch zum Tr\u00e4umen ein. Gemeinsame Autofahrten dauern immer noch lange. Sch\u00f6n lange. Lange genug, um die Freiheit des Fahrens zu genie\u00dfen. Und kurz genug, um nicht zu verhungern. 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