{"id":472,"date":"2017-03-05T11:08:56","date_gmt":"2017-03-05T11:08:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schmitzendrin.de\/?p=472"},"modified":"2021-10-31T16:30:43","modified_gmt":"2021-10-31T16:30:43","slug":"amanda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schmitzendrin.de\/?p=472","title":{"rendered":"Amanda"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Amandas F\u00fc\u00dfe waren zu gro\u00df. Im Verh\u00e4ltnis zu ihrer K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe, hatten ihre F\u00fc\u00dfe ein gr\u00f6\u00dferes Ma\u00df eingenommen. Ihre Erscheinung wirkte unharmonisch. So wie Teenager aussehen, wenn ihre K\u00f6rper sich auf den Weg zu einem erwachsenen Menschen machen und ihr Geist die Reise antritt&nbsp;weiser zu werden. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Teenager wirken unausgewogen. Man schaut sie an, nickt und wei\u00df auf welchem Weg sie sich befinden. Bei Amandas Anblick hielt man inne, man dachte,&nbsp;dass irgendetwas an ihr nicht richtig, nicht angemessen wirkte. Man konnte nicht nicken, weil etwas an ihr unharmonisch wirke, obwohl sie kein Teenager mehr war. Nach einiger Zeit, vielleicht wenn man Amanda ein zweites Mal traf, blickte man auf ihre F\u00fc\u00dfe und wusste, dass sie zu gro\u00df waren. Warum hat diese junge Frau so gro\u00dfe F\u00fc\u00dfe, fragte man sich. Es wirkte so, als ob jemand ihr Wachsen zu einer Frau verhindert h\u00e4tte, dass sie zu etwas Gro\u00dfem h\u00e4tte werden k\u00f6nnen. Ihre F\u00fc\u00dfe hatten sich schon auf den Weg gemacht und dann bremste sie jemand. Vielleicht&nbsp;erschrak ihr K\u00f6rper \u00fcber etwas und wuchs dann nicht mehr&nbsp;weiter in die H\u00f6he. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Amanda trug stets unauff\u00e4llige, nie nach vorne spitz zulaufende Schuhe. Ihre Schuhe hatten eine schlichte Farbe, waren nie bunt oder gemustert. Die Schuhe waren so zur\u00fcckhaltend, wie Amandas Charakter zur\u00fcckhaltend war. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Einmal, als ich sie zuf\u00e4llig&nbsp;nach einem Konzert traf, sprach sie mich an. Ich&nbsp;wunderte mich, sie hatte mich noch nie angesprochen. Wir kannten uns aus dem Studium und hatten in einem Projekt zusammengearbeitet, aber noch nie hatte sie mich au\u00dferhalb des Campus&nbsp;angesprochen. Ich wunderte mich noch mehr,&nbsp;als ich ihre Schuhe sah.&nbsp;Es war Sommer. Die Musik war laut und wild gewesen und hatte unsere Gem\u00fcter erhitzt. Ich war erregt von der Musik, die mich in&nbsp;eine freie und unabh\u00e4ngige Welt gef\u00fchrt hatte. Nun standen Amandas Schuhe vor mir und zeigten mir wie das Leben wirklich war. Ich neigte meinen Kopf nach unten und ihre Schuhe hatten f\u00fcr den Rest meines Lebens ein Bild in meinen Kopf gesetzt. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Wenn ich sp\u00e4ter versuchte diesen Moment nachzuempfinden und das passende Bild zu finden, sah es so aus: Dorothy, das bezaubernde M\u00e4dchen mit den magischen roten Schuhen im Land des Zauberers Oz. Sie tr\u00e4gt die Schuhe, weil ihr Haus auf der b\u00f6sen Hexe gelandet ist und diese get\u00f6tet hat. Ich sehe dieses B\u00f6se, egal ob Dorothy daran Schuld tr\u00e4gt oder nicht. In diesem Moment sagen mir Amandas Schuhe, das B\u00f6se unserer Zukunft voraus. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Meiner Erhitzung weicht einer K\u00e4lte. Meiner Erregung folgt eine Starre. Ich stehe vor Amanda und wei\u00df nicht mehr, was sie zu mir sagte. Ich wei\u00df, dass ich f\u00fcr immer mit ihr verbunden sein werde, ob ich m\u00f6chte oder nicht. Ich nehme ihren Arm, gehe mit ihr zum Ausgang und nehme sie mit zu mir nach Hause. Ich glaube wir haben uns unterwegs unterhalten, wahrscheinlich haben wir&nbsp;\u00fcber das Konzert&nbsp;gesprochen. \u00c4u\u00dferlich war ich fr\u00f6hlich und ausgelassen,&nbsp;machte ihr Komplimente und streichelte ihren Arm. Im Inneren hatte sich die Starre ausgebreitet und ich agierte fremdgesteuert.&nbsp;Mein unber\u00fchrtes Leben war zu Ende. Ich hatte nicht die Kraft, den mir soeben durch Amandas Schuhe&nbsp;gezeigten Weg zu verlassen, mich in eine andere Richtung zu bewegen. Fast mechanisch f\u00fchrte ich sie \u00fcber die Stra\u00dfen. So wie vielleicht jemand Amandas Wachstum beschr\u00e4nkt hatte, so beschr\u00e4nkte jetzt jemand mein Tun. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Ihre Schuhe waren nicht einmal rot. <\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Amandas F\u00fc\u00dfe waren zu gro\u00df. Im Verh\u00e4ltnis zu ihrer K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe, hatten ihre F\u00fc\u00dfe ein gr\u00f6\u00dferes Ma\u00df eingenommen. Ihre Erscheinung wirkte unharmonisch. So wie Teenager aussehen, wenn ihre K\u00f6rper sich auf den Weg zu einem erwachsenen Menschen machen und ihr Geist die Reise antritt&nbsp;weiser zu werden. Teenager wirken unausgewogen. Man schaut sie an, nickt und wei\u00df auf welchem Weg sie sich befinden. Bei Amandas Anblick hielt man inne, man dachte,&nbsp;dass irgendetwas an ihr nicht richtig, nicht angemessen wirkte. Man konnte nicht nicken, weil etwas an ihr unharmonisch wirke, obwohl sie kein Teenager mehr war. Nach einiger Zeit, vielleicht wenn man Amanda ein zweites Mal traf, blickte man auf ihre F\u00fc\u00dfe und wusste, dass sie zu gro\u00df waren. Warum hat diese junge Frau so gro\u00dfe F\u00fc\u00dfe, fragte man sich. Es wirkte so, als ob jemand ihr Wachsen zu einer Frau verhindert h\u00e4tte, dass sie zu etwas Gro\u00dfem h\u00e4tte werden k\u00f6nnen. Ihre F\u00fc\u00dfe hatten sich schon auf den Weg gemacht und dann bremste sie jemand. Vielleicht&nbsp;erschrak ihr K\u00f6rper \u00fcber etwas und wuchs dann nicht mehr&nbsp;weiter in die H\u00f6he. Amanda trug stets unauff\u00e4llige, nie nach vorne spitz zulaufende Schuhe. Ihre Schuhe hatten eine schlichte Farbe, waren nie bunt oder gemustert. 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Wenn ich sp\u00e4ter versuchte diesen Moment nachzuempfinden und das passende Bild zu finden, sah es so aus: Dorothy, das bezaubernde M\u00e4dchen mit den magischen roten Schuhen im Land des Zauberers Oz. Sie tr\u00e4gt die Schuhe, weil ihr Haus auf der b\u00f6sen Hexe gelandet ist und diese get\u00f6tet hat. Ich sehe dieses B\u00f6se, egal ob Dorothy daran Schuld tr\u00e4gt oder nicht. In diesem Moment sagen mir Amandas Schuhe, das B\u00f6se unserer Zukunft voraus. Meiner Erhitzung weicht einer K\u00e4lte. Meiner Erregung folgt eine Starre. Ich stehe vor Amanda und wei\u00df nicht mehr, was sie zu mir sagte. Ich wei\u00df, dass ich f\u00fcr immer mit ihr verbunden sein werde, ob ich m\u00f6chte oder nicht. Ich nehme ihren Arm, gehe mit ihr zum Ausgang und nehme sie mit zu mir nach Hause. Ich glaube wir haben uns unterwegs unterhalten, wahrscheinlich haben wir&nbsp;\u00fcber das Konzert&nbsp;gesprochen. \u00c4u\u00dferlich war ich fr\u00f6hlich und ausgelassen,&nbsp;machte ihr Komplimente und streichelte ihren Arm. Im Inneren hatte sich die Starre ausgebreitet und ich agierte fremdgesteuert.&nbsp;Mein unber\u00fchrtes Leben war zu Ende. Ich hatte nicht die Kraft, den mir soeben durch Amandas Schuhe&nbsp;gezeigten Weg zu verlassen, mich in eine andere Richtung zu bewegen. Fast mechanisch f\u00fchrte ich sie \u00fcber die Stra\u00dfen. So wie vielleicht jemand Amandas Wachstum beschr\u00e4nkt hatte, so beschr\u00e4nkte jetzt jemand mein Tun. 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