{"id":777,"date":"2017-06-21T10:21:01","date_gmt":"2017-06-21T10:21:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schmitzendrin.de\/?p=777"},"modified":"2021-10-31T16:30:04","modified_gmt":"2021-10-31T16:30:04","slug":"hinter-den-gardinen-fliegt-ein-mann-zum-mond","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schmitzendrin.de\/?p=777","title":{"rendered":"Hinter den Gardinen fliegt ein Mann zum Mond"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Herr Modd muss sich vorbereiten. Er ist konzentriert, angespannt und er f\u00fchlt sich nicht wohl. In drei Tagen wird er zum Mond fliegen. Jahre der Vorbereitungen liegen hinter ihm. Alles in seinem Leben ist auf diesen Flug ausgerichtet. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Er kennt das smart formulierte Ziel \u201eeinen Menschen zum Mond und sicher wieder zur\u00fcckzubringen\u201c. Das Zur\u00fcckkommen ist ihm besonders wichtig. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Er wei\u00df, dass sich noch nie ein Mensch von zu Hause aus, auf eine Mondreise vorbereitet hat. Aber die Gelder sind knapp und die Menschheit nicht mehr&nbsp;an den Mondreisen interessiert. Mondreisen gibt es schon zu&nbsp;lange. Man geht davon aus, dass eine intensive Vorbereitung nicht notwendig ist. Das meiste werden die Computer sowohl vom Wohnzimmer aus als auch an Bord erledigen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Viele Firmen bieten Anleitungen f\u00fcr die Reise zum Mond&nbsp;an. Die Dokumente, in allen Sprachen der Welt, kann sich jeder im Internet anschauen und herunterladen. Herr Modd hatte seine Unterlagen von einem, ihm seri\u00f6s erscheinenden Unternehmen, bestellt. Die Moon &amp; Solution Company war seit Jahrzehnten in diesem Bereich t\u00e4tig und wies viele Zertifikate aus, die in farbigen Animationen auf der Webseite hin- und herflogen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Ist ein Ausstieg auf dem Mond vorgesehen? Herr Modd \u00fcberlegte, ob etwas dazu im Projekt ausgesagt wurde. Er w\u00fcrde sp\u00e4ter in seinen Unterlagen nachschauen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Die aktuellen Dokumente hatte Herr Modd nicht mehr gelesen. Es war m\u00fchevoll f\u00fcr ihn, die kleinen eng bei einander stehenden Buchstaben auf dem Bildschirm zu erkennen. Seine Brillengl\u00e4ser schienen f\u00fcr diese Art des Sehens nicht gemacht zu sein. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Dass der Postbote die gro\u00dfen, dick gef\u00fcllten Umschl\u00e4ge auf die Fu\u00dfmatte vor die T\u00fcr legte, war Jahre her. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Er nahm sich vor, die aktuellen Anweisungen gr\u00fcndlich zu lesen und auswendig zu lernen. Wenn er jetzt noch nicht einmal wusste, ob er auf dem Mond aussteigen sollte oder nicht, w\u00fcrde seine Reise nicht geordnet ablaufen. Vielleicht gab es dann keine Gew\u00e4hrleistung f\u00fcr seine R\u00fcckreise. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Herr Modd ging zum Fenster und schob die Gardinen einen Spaltbreit zur Seite. Die Gardinen waren strahlend wei\u00df, wie sie schon vor \u00fcber 50 Jahren strahlend wei\u00df gewesen waren. Das war ihm wichtig. Er lie\u00df sie professionell reinigen. Ein Mitarbeiter der Reinigungsfirma kam vorbei, um sie abzuh\u00e4ngen und ein paar Tage sp\u00e4ter wieder vor den Fenstern aufzuh\u00e4ngen. W\u00e4hrend dieser Tage bereitete sich Herr Modd nicht auf den Weltraumflug vor. Er f\u00fchlte sich ohne Gardinen im Wohnraum nicht wohl. Er konnte, auch wenn er hinten im Zimmer an der Wand stand, den Gehweg und den gegen\u00fcberliegenden Parkplatz sehen. Die Reinigung der Vorh\u00e4nge war das Einzige in seinem Leben, das nicht auf die Mondreise ausgerichtet war. Lieber setzte er die \u00dcbungen und technischen Abl\u00e4ufe f\u00fcr ein paar Tage aus, als die Gardinen zu vernachl\u00e4ssigen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Die Vorh\u00e4nge waren von Beginn an, ein Teil des Wohnraumes. Seit dem ersten Tag, als seine Gro\u00dfeltern, seine Eltern und der kleine Junge, in das Haus einzogen. Er stand am Fenster, als seine Oma energisch mit den zusammengerollten Stoffen das Wohnzimmer betrat und von ihrem Mann forderte, dass die Anbringung des Gardinenbrettes als Erstes zu tun sei. Sie war wie seine Mutter eine z\u00e4he Frau, die die Gardinenrolle so lange fest unter ihrem Arm hielt, bis der Gro\u00dfvater eine Leiter aufstellte und sie aufsteigen konnte. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Gab es Gardinen in der Raumf\u00e4hre? Konnte er seinen Blick vor dem Weltraum verschlie\u00dfen? Auch bei dieser Frage war sich Herr Modd sicher, dass die Ausf\u00fchrungen in den Unterlagen standen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Er w\u00fcrde nach seiner R\u00fcckkehr, eine Reinigung der Gardinen pr\u00fcfen. Mit den Gardinenrollen war der Stoff leicht hin- und her zu schieben. Das K\u00f6lner Brett, an dem sie befestigt waren, war nicht modern, aber sehr gut erhalten. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Dieser Zustand galt&nbsp;auch f\u00fcr die Raumf\u00e4hre. Herr Modd tr\u00e4umte als Junge zum Mond zu fliegen und seine Eltern boten ihm Erspartes, Zeit und seelische Unterst\u00fctzung. Er hatte keine Gelegenheit gehabt, seinen Traum loszuwerden. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Aus kleinen Papprollen hatte er eine Rakete gebastelt und angemalt. Er w\u00fcnschte sich, dass seine Rakete mit den gelben und roten Wachsmalfarben im All leuchten w\u00fcrde. Die Farbe wurde mit jedem Anfassen verwischt und nach ein paar Tagen sah die Rakete wie das Grau der Pappe aus. Den Eltern kam ihr Sohn sehr traurig vor, so dass sie ihm eine Spielzeugrakete aus Plastik kauften, obwohl er weder Geburtstag hatte noch Weihnachten war. Er wusste, dass seine Eltern das Geld aus der Haushaltskasse genommen hatten. Er a\u00df ohne zu murren, das trockene Brot, das nur mit Butter oder etwas Marmelade beschmiert war. Als Mahnmal stellte er die Rakete neben sich auf den Esstisch. Beim Kauen des trockenen Brotes, dachte er \u00fcber die M\u00f6glichkeiten nach, nicht mehr mit der Rakete zu spielen,&nbsp;ohne seine Eltern zu entt\u00e4uschen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Als alle T\u00e4tigkeiten des Familienlebens auf die Mondreise ausgerichtet waren, hatte Herr Modd keine&nbsp;eigenen Vorstellungen f\u00fcr eine berufliche Zukunft. Auch sp\u00e4ter,&nbsp;als er der Mondreise kritisch gegen\u00fcber stand, hatte er keine Ideen f\u00fcr eine Besch\u00e4ftigung. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Im Laufe seines Lebens wurde eine Reise zum Mond f\u00fcr die Gesellschaft immer unspektakul\u00e4rer. Daraufhin schoben seine Eltern das schwere Sofa in den Flur und verstauten die anderen M\u00f6bel in den weiteren R\u00e4umen. Der Wohnraum bot ihm den n\u00f6tigen Platz f\u00fcr seine Vorbereitungen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Dass Mondreisen inzwischen \u00fcber Reisb\u00fcros buchbar waren, erz\u00e4hlte er seinen Eltern nicht. \u201eWir werden dein gro\u00dfes Abenteuer sehen, du wirst \u00fcber uns hinwegfliegen\u201c, fl\u00fcsterte ihm der Vater am Sterbebett zu. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Da wusste Herr Modd endg\u00fcltig, dass er weiter Atem\u00fcbungen und das Bedienen der Steuerinstrumente \u00fcben w\u00fcrde. F\u00fcr das Durchgehen der Abl\u00e4ufe in der Schwerelosigkeit gab es seit Jahren keinen Anbieter mehr.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Am 21. Juli bestieg ein \u00e4lterer Mann eine Raumf\u00e4hre. Unter seinem rechten Arm klemmten zusammengerollte, strahlend wei\u00dfe Gardinen. Er kehrte nicht zur\u00fcck. In den Medien wurde nicht dar\u00fcber berichtet. Firmen erhoben l\u00e4ngst keine Statistiken mehr, \u00fcber erfolgreiche und nicht erfolgreiche Fl\u00fcge zum Mond. Nur in der Todesanzeige, die eine befreundete Nachbarin aufgeben hatte, war von einem letzten gro\u00dfen Abenteuer die Rede. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Ich wei\u00df was passiert ist. Nachdem die Rakete erfolgreich aus der Erdumlaufbahn ausgetreten war und im Bereich des Mondes schwebte, zog Herr Modd den ihm zugewiesenen Raumanzug an. Schwerg\u00e4ngig schritt er mit den Gardinen, die wie eine Art Rucksack an seinem R\u00fccken sa\u00dfen, in einen Vorraum. Dort drehte er mehrere R\u00e4dchen und Lenkvorrichtungen und stieg durch die dann ge\u00f6ffnete Luke. Er kletterte an der Au\u00dfenwand entlang zu einer von ihm vorher ausgesuchten Stelle. Dort zog er den Gardinen-Rucksack aus und warf das zusammengerollte B\u00fcndel ohne zu Z\u00f6gern \u00fcber Bord. Ich wei\u00df nicht, ob er sah wie die Rolle sich entfaltete und die Gardinen wie Segel durch das Weltall schwebten. Er starb. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">H\u00e4tte er die Dokumente \u00fcber den Flug zum Mond aufmerksam gelesen, h\u00e4tte er gewusst, dass die Gardinen nie auf der Erde landen w\u00fcrden. Er h\u00e4tte gewusst, dass sie in die Umlaufbahn des Mondes geraten.&nbsp;Er h\u00e4tte gewusst, dass die strahlend wei\u00dfen Gardinen nicht Wei\u00df bleiben und&nbsp;langsam zu Stofffetzen werden, die sich dann ganz aufl\u00f6sen. <\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Modd muss sich vorbereiten. Er ist konzentriert, angespannt und er f\u00fchlt sich nicht wohl. In drei Tagen wird er zum Mond fliegen. Jahre der Vorbereitungen liegen hinter ihm. Alles in seinem Leben ist auf diesen Flug ausgerichtet. Er kennt das smart formulierte Ziel \u201eeinen Menschen zum Mond und sicher wieder zur\u00fcckzubringen\u201c. Das Zur\u00fcckkommen ist ihm besonders wichtig. Er wei\u00df, dass sich noch nie ein Mensch von zu Hause aus, auf eine Mondreise vorbereitet hat. Aber die Gelder sind knapp und die Menschheit nicht mehr&nbsp;an den Mondreisen interessiert. Mondreisen gibt es schon zu&nbsp;lange. Man geht davon aus, dass eine intensive Vorbereitung nicht notwendig ist. Das meiste werden die Computer sowohl vom Wohnzimmer aus als auch an Bord erledigen. Viele Firmen bieten Anleitungen f\u00fcr die Reise zum Mond&nbsp;an. Die Dokumente, in allen Sprachen der Welt, kann sich jeder im Internet anschauen und herunterladen. Herr Modd hatte seine Unterlagen von einem, ihm seri\u00f6s erscheinenden Unternehmen, bestellt. Die Moon &amp; Solution Company war seit Jahrzehnten in diesem Bereich t\u00e4tig und wies viele Zertifikate aus, die in farbigen Animationen auf der Webseite hin- und herflogen. Ist ein Ausstieg auf dem Mond vorgesehen? Herr Modd \u00fcberlegte, ob etwas dazu im Projekt ausgesagt wurde. Er w\u00fcrde sp\u00e4ter in seinen Unterlagen nachschauen. Die aktuellen Dokumente hatte Herr Modd nicht mehr gelesen. Es war m\u00fchevoll f\u00fcr ihn, die kleinen eng bei einander stehenden Buchstaben auf dem Bildschirm zu erkennen. Seine Brillengl\u00e4ser schienen f\u00fcr diese Art des Sehens nicht gemacht zu sein. Dass der Postbote die gro\u00dfen, dick gef\u00fcllten Umschl\u00e4ge auf die Fu\u00dfmatte vor die T\u00fcr legte, war Jahre her. Er nahm sich vor, die aktuellen Anweisungen gr\u00fcndlich zu lesen und auswendig zu lernen. Wenn er jetzt noch nicht einmal wusste, ob er auf dem Mond aussteigen sollte oder nicht, w\u00fcrde seine Reise nicht geordnet ablaufen. Vielleicht gab es dann keine Gew\u00e4hrleistung f\u00fcr seine R\u00fcckreise. Herr Modd ging zum Fenster und schob die Gardinen einen Spaltbreit zur Seite. Die Gardinen waren strahlend wei\u00df, wie sie schon vor \u00fcber 50 Jahren strahlend wei\u00df gewesen waren. Das war ihm wichtig. Er lie\u00df sie professionell reinigen. Ein Mitarbeiter der Reinigungsfirma kam vorbei, um sie abzuh\u00e4ngen und ein paar Tage sp\u00e4ter wieder vor den Fenstern aufzuh\u00e4ngen. W\u00e4hrend dieser Tage bereitete sich Herr Modd nicht auf den Weltraumflug vor. Er f\u00fchlte sich ohne Gardinen im Wohnraum nicht wohl. Er konnte, auch wenn er hinten im Zimmer an der Wand stand, den Gehweg und den gegen\u00fcberliegenden Parkplatz sehen. Die Reinigung der Vorh\u00e4nge war das Einzige in seinem Leben, das nicht auf die Mondreise ausgerichtet war. Lieber setzte er die \u00dcbungen und technischen Abl\u00e4ufe f\u00fcr ein paar Tage aus, als die Gardinen zu vernachl\u00e4ssigen. Die Vorh\u00e4nge waren von Beginn an, ein Teil des Wohnraumes. Seit dem ersten Tag, als seine Gro\u00dfeltern, seine Eltern und der kleine Junge, in das Haus einzogen. Er stand am Fenster, als seine Oma energisch mit den zusammengerollten Stoffen das Wohnzimmer betrat und von ihrem Mann forderte, dass die Anbringung des Gardinenbrettes als Erstes zu tun sei. Sie war wie seine Mutter eine z\u00e4he Frau, die die Gardinenrolle so lange fest unter ihrem Arm hielt, bis der Gro\u00dfvater eine Leiter aufstellte und sie aufsteigen konnte. Gab es Gardinen in der Raumf\u00e4hre? Konnte er seinen Blick vor dem Weltraum verschlie\u00dfen? Auch bei dieser Frage war sich Herr Modd sicher, dass die Ausf\u00fchrungen in den Unterlagen standen. Er w\u00fcrde nach seiner R\u00fcckkehr, eine Reinigung der Gardinen pr\u00fcfen. Mit den Gardinenrollen war der Stoff leicht hin- und her zu schieben. Das K\u00f6lner Brett, an dem sie befestigt waren, war nicht modern, aber sehr gut erhalten. Dieser Zustand galt&nbsp;auch f\u00fcr die Raumf\u00e4hre. Herr Modd tr\u00e4umte als Junge zum Mond zu fliegen und seine Eltern boten ihm Erspartes, Zeit und seelische Unterst\u00fctzung. Er hatte keine Gelegenheit gehabt, seinen Traum loszuwerden. Aus kleinen Papprollen hatte er eine Rakete gebastelt und angemalt. Er w\u00fcnschte sich, dass seine Rakete mit den gelben und roten Wachsmalfarben im All leuchten w\u00fcrde. Die Farbe wurde mit jedem Anfassen verwischt und nach ein paar Tagen sah die Rakete wie das Grau der Pappe aus. Den Eltern kam ihr Sohn sehr traurig vor, so dass sie ihm eine Spielzeugrakete aus Plastik kauften, obwohl er weder Geburtstag hatte noch Weihnachten war. Er wusste, dass seine Eltern das Geld aus der Haushaltskasse genommen hatten. Er a\u00df ohne zu murren, das trockene Brot, das nur mit Butter oder etwas Marmelade beschmiert war. Als Mahnmal stellte er die Rakete neben sich auf den Esstisch. Beim Kauen des trockenen Brotes, dachte er \u00fcber die M\u00f6glichkeiten nach, nicht mehr mit der Rakete zu spielen,&nbsp;ohne seine Eltern zu entt\u00e4uschen. Als alle T\u00e4tigkeiten des Familienlebens auf die Mondreise ausgerichtet waren, hatte Herr Modd keine&nbsp;eigenen Vorstellungen f\u00fcr eine berufliche Zukunft. Auch sp\u00e4ter,&nbsp;als er der Mondreise kritisch gegen\u00fcber stand, hatte er keine Ideen f\u00fcr eine Besch\u00e4ftigung. Im Laufe seines Lebens wurde eine Reise zum Mond f\u00fcr die Gesellschaft immer unspektakul\u00e4rer. Daraufhin schoben seine Eltern das schwere Sofa in den Flur und verstauten die anderen M\u00f6bel in den weiteren R\u00e4umen. Der Wohnraum bot ihm den n\u00f6tigen Platz f\u00fcr seine Vorbereitungen. Dass Mondreisen inzwischen \u00fcber Reisb\u00fcros buchbar waren, erz\u00e4hlte er seinen Eltern nicht. \u201eWir werden dein gro\u00dfes Abenteuer sehen, du wirst \u00fcber uns hinwegfliegen\u201c, fl\u00fcsterte ihm der Vater am Sterbebett zu. Da wusste Herr Modd endg\u00fcltig, dass er weiter Atem\u00fcbungen und das Bedienen der Steuerinstrumente \u00fcben w\u00fcrde. F\u00fcr das Durchgehen der Abl\u00e4ufe in der Schwerelosigkeit gab es seit Jahren keinen Anbieter mehr. Am 21. Juli bestieg ein \u00e4lterer Mann eine Raumf\u00e4hre. Unter seinem rechten Arm klemmten zusammengerollte, strahlend wei\u00dfe Gardinen. Er kehrte nicht zur\u00fcck. In den Medien wurde nicht dar\u00fcber berichtet. Firmen erhoben l\u00e4ngst keine Statistiken mehr, \u00fcber erfolgreiche und nicht erfolgreiche Fl\u00fcge zum Mond. Nur in der Todesanzeige, die eine befreundete Nachbarin aufgeben hatte, war von einem letzten gro\u00dfen Abenteuer die Rede. Ich wei\u00df was passiert ist. Nachdem die Rakete erfolgreich aus der Erdumlaufbahn ausgetreten war und im Bereich des Mondes schwebte, zog Herr Modd den ihm zugewiesenen Raumanzug an. Schwerg\u00e4ngig schritt er mit den Gardinen, die wie eine Art Rucksack an seinem R\u00fccken sa\u00dfen, in einen Vorraum. Dort drehte er mehrere R\u00e4dchen und Lenkvorrichtungen und stieg durch die dann ge\u00f6ffnete Luke. Er kletterte an der Au\u00dfenwand entlang zu einer von ihm vorher ausgesuchten Stelle. Dort zog er den Gardinen-Rucksack aus und warf das zusammengerollte B\u00fcndel ohne zu Z\u00f6gern \u00fcber Bord. Ich wei\u00df nicht, ob er sah wie die Rolle sich entfaltete und die Gardinen wie Segel durch das Weltall schwebten. Er starb. H\u00e4tte er die Dokumente \u00fcber den Flug zum Mond aufmerksam gelesen, h\u00e4tte er gewusst, dass die Gardinen nie auf der Erde landen w\u00fcrden. 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