{"id":856,"date":"2017-08-13T20:43:15","date_gmt":"2017-08-13T20:43:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schmitzendrin.de\/?p=856"},"modified":"2021-10-31T16:30:04","modified_gmt":"2021-10-31T16:30:04","slug":"das-gewuerzregal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schmitzendrin.de\/?p=856","title":{"rendered":"Das Gew\u00fcrzregal"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Meine Mutter strukturierte alles um sich herum. Sie wollte auch mich strukturieren. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">In unserer K\u00fcche hing oberhalb des Esstisches, gerade so hoch und schmal, dass man sich beim Aufstehen nicht den Kopf stie\u00df und noch niedrig genug, um nach den Gew\u00fcrzdosen zu greifen, ein Regalbrett. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Auf diesem standen die Gew\u00fcrze meiner Mutter. Die Gew\u00fcrzgl\u00e4ser und -dosen in der ersten Reihe konnte man in dieser H\u00f6he noch erkennen, die Gl\u00e4ser dahinter nicht mehr. Meine Mutter wusste genau wo welches Gew\u00fcrz stand und konnte durch leichtes Schieben die hinteren Gew\u00fcrze schnell und sicher vom Regal nehmen. Sie brauchte sich vom Herd nur umzudrehen und die zwei Schritte zum Regel gehen, um sich ihre Zutaten zu holen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Es gab Gew\u00fcrzgl\u00e4schen, die meine Mutter selbst bef\u00fcllt hatte und an deren Boden ein kleiner Zettel mit dem Namen des Gew\u00fcrz klebte. Meine Mutter musste nie nach den Namen schauen. F\u00fcr die Beschriftung der Gew\u00fcrze nahm sie einen Notizblock aus der Schublade am Esstisch und schrieb in kleinen Druckbuchstaben die Bezeichnung auf. Die Buchstaben standen eng bei einander und fr\u00fcher habe ich ihre deutlich geschriebenen Buchstaben bewundert. Sie sahen wie gedruckt aus. Nie schmierte die schwarze Farbe. Nie bat sie mich einen Namen wie Rosmarin zu schreiben. Mit der Schere schnitt sie eng an den Buchstaben entlang, ohne die Buchstaben zu ber\u00fchren. Auch f\u00fcr mich hatte sie in der K\u00fcche keine Zeit f\u00fcr zarte Ber\u00fchrungen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Es gab Gew\u00fcrzm\u00fchlen aus Glas, in ihnen erkannte ich das grobe, teileweise blau schimmernde Salz. Es war Meersalz aus Frankreich. Es gab alte, hohe Gew\u00fcrzm\u00fchlen aus dunklem Holz. Mit diesen wurden die schwarzen Pfefferk\u00f6rner gemahlen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Dazwischen fanden sich gekaufte Gew\u00fcrze, in den mit dem Markenlabel versehenden kleineren Metalldosen. Komplizierter zu \u00f6ffnen waren die kleinen Dosen bei denen man den flachen und nicht gut zu greifenden Deckel aufdrehen musste. Bei diesen waren die Gew\u00fcrze mir Anfangs nie bekannt und ich durfte auch mit ganz trockenen Fingern nie eine Prise von diesen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Kristallen herausnehmen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Pflanzen, die meine Mutter selbst getrocknet hatte, wurden in kleinen Glasgef\u00e4\u00dfen aufbewahrt. Oft ohne oder mit einem leicht abnehmbaren Deckel. Ich h\u00e4tte sehr gut aufgepasst, dass mir der Deckel nicht herunterfiele, wenn ich das Glas etwas schr\u00e4g liegend in meiner Hand herunter genommen h\u00e4tte. Ich fand, dass getrocknete Kr\u00e4uter nicht riechen. Aber wenn ich andere Gew\u00fcrzd\u00f6schen \u00f6ffnete, breitete sich der starke Duft schnell \u00fcber mein Gesicht aus. Ich sah es bildlich vor mir, wie der Duft sich immer breiter werdend aus der Dose entlang meines Gesichts verteilte und dann kurz vor der Decke sich aufl\u00f6ste. Dieses Aroma verbreitete sich erst wieder, wenn meine Mutter die Kr\u00e4uter \u00fcber einen der T\u00f6pfe zerrieb. Nichts war sch\u00f6ner als den Duft des Essens in der ganzen Wohnung zu riechen. Ich glaube das war auch ihre Struktur. Der Essensgeruch verteilte sich auf eine bestimmte Weise in unserer Wohnung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">W\u00e4hrend des Kochens war ich nur Gast meiner Mutter. Ich sa\u00df oder stand irgendwo still und schaute ihr zu. Als ich \u00e4lter wurde und erkannte, dass ich nicht Gast war, sondern wie ein fester Gegenstand wie eine Anrichte oder ein Stuhl, verlie\u00df ich die K\u00fcche. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Nachdem sich der Duft des Essen ausgebreitet hatte und ich mich an den Tisch setzte immer oben an die schmale Seite des Tisches und meine Mutter immer an der langen Seite, war ich kein Gast mehr. Beim Essen verteilte sich nicht nur der Geruch des Essens, sondern auch die Zuneigung meiner Mutter. Ich f\u00fchlte mich umsorgt, wenn sie das Gem\u00fcse und Fleisch auf meinem Teller anrichtete. Ich f\u00fchlte mich ernst genommen, wenn sie mich fragte, ob es mir schmeckte. Ich f\u00fchlte mich dazugeh\u00f6rig, wenn sie nachfragte, ob das Fleisch zart genug w\u00e4re und ob das Gem\u00fcse knackig sei oder ob ich die fruchtige Note der So\u00dfe mochte. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Sie war mir zugewandt. Ihre Hand lag leicht auf meinem linken Unterarm, w\u00e4hrend ich mir mit der rechten Hand genussvoll die Gabel in den Mund legte. Ich kaute die ersten Bisse ganz langsam und machte ein ernstes Gesicht. Ich lie\u00df mir Zeit mit einer Antwort und a\u00df mehrere Minuten lang, bis ich sprach. Zu kostbar waren die Minuten f\u00fcr mich. Ich wollte das Beisammensein mit meiner Mutter wie das Essen auskosten. Sie a\u00df erst, wenn ich antwortete, was mir an diesem Mahl besonders gut gefiel. Wenn ich Gew\u00fcrze herausschmeckte und sie nannte, streichelte sie anerkennend meinen Arm. Die H\u00e4rchen stellten sich auf und das wohlige k\u00f6rperliche Gef\u00fchl mischte sich mit gl\u00fccklichen Gedanken. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Ich zerschnitt das Fleisch so wie sie es mir zeigte, ich zerdr\u00fcckte die Kartoffeln, wenn sie mich dazu aufforderte und ich nahm nur so viel So\u00dfe wie sie es sagte. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Sie sagte mir allerdings nicht wie ich leben sollte. Ich begann mich von dem Gef\u00fchl ein K\u00fcchenschrank zu sein, dessen Schubladen jeder \u00f6ffnen und schlie\u00dfen konnte, zu l\u00f6sen. Ich machte mir meine eigenen Gedanken. Nicht alle Kr\u00e4uter erg\u00e4nzten sich gut und gaben einem Gericht eine bestimmte Geschmacksrichtung. Nicht alles schmeckte s\u00fc\u00df und war leicht verdaulich. Es gab Pflanzen, die kamen mit wenig Wasser und Sonne aus. Und es gab mich, die mehr Licht und W\u00e4rme aufnehmen musste. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">An einem ersten richtig warmen Fr\u00fchlingstag gab es Pellkartoffeln, die nachdem das Wasser abgesch\u00fcttet war, im Topf mit ein bisschen Butter angebraten wurden. Ihre Schale wurde dunkler und kross. Sie schmeckten nach Salz und Butter. Auf dem Tisch stand eine wei\u00dfe Schale mit Kr\u00e4uterquark. Meine Mutter hatte daf\u00fcr am Vormittag Petersilie, Schnittlauch und Kresse im Garten und aus den T\u00f6pfen gepfl\u00fcckt. Ich wusste wie sie aussah, wenn sie in die Hocke ging und ihre Sch\u00fcrze die Steine, die zwischen den Beeten lagen, ber\u00fchrte. Sie hatte eine Schere dabei und schnitt den Schnittlauch weit unten ab. Immer wieder fuhren ihre Finger zwischen die Halme, griffen nach mehreren Halmen, pressten sie leicht zusammen und schnitten dann das B\u00fcndel ab. Sie legte die Halme in ein kleines Sieb, um sie sp\u00e4ter unter dem Wasserstrahl abzusp\u00fclen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Zu den Pellkartoffeln mit Kr\u00e4uterquark gab es Lachs. Dieser wurde zuerst in der Pfanne von beiden Seiten angebraten und anschlie\u00dfend mit der Hautseite nach unten in einer Auflaufform im Ofen fertig gegart. Oft legte meine Mutter kleine Tomaten, Paprika oder St\u00fccke vom Staudensellerie dazu. Bis zu diesem Tag war das mein Lieblingsessen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Ich nahm mit der Gabel ein St\u00fcck Lachs auf und streifte mit der Seite etwas vom Quark. Die Kartoffel wollte ich anschlie\u00dfend essen. Ich hatte den Lachs noch nicht im Mund, als meine Mutter sagte: \u201eDer Kr\u00e4uterquark geh\u00f6rt zu den Kartoffeln.\u201c <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Bisher hatten wir uns bei Tisch nur \u00fcber das Essen und die verschiedenen Geschmacksrichtungen unterhalten. Ich wei\u00df nicht warum ich \u00fcberhaupt Antwort gab. H\u00e4tte ich fr\u00fcher nicht den Lachs von der Gabel wieder sanft auf den Teller geschoben und mit einer neuen Bewegung ein St\u00fcck Kartoffel in den Quark getunkt und dann mit vielen Bissen das Essen genossen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Ich sagte: \u201eDas wei\u00df ich. Ich mag den Quark aber auch auf dem Lachs.\u201c Ich schlug vor, den Quark beim n\u00e4chsten Mal mit Knoblauch zu w\u00fcrzen. Ich hatte mir schon viele Rezeptvarianten \u00fcberlegt und freute mich heimlich auf eine eigene K\u00fcche und ein eigenes Kochen. Bei einer Freundin durften wir gemeinsam mit der Mutter kochen und Gerichte ausprobieren. Dann standen wir zu dritt in einer kleinen K\u00fcche, ber\u00fchrten uns beim Schnippeln leicht an den Schultern und warfen gemeinsam das Gem\u00fcse in den Topf. Alles war bunt, durcheinander und ich nicht wie ein K\u00fcchenutensil.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Hatte ich meiner Mutter das nicht erz\u00e4hlt? Ihre Mundwinkel h\u00e4tten sich verzogen und sie h\u00e4tte etwas in der Art gesagt, wie dass mir so etwas nicht zustand. Sie hatte mich nicht ernst genommen, sie wollte bei ihren Gerichten wie bei anderen Sachen, eine Best\u00e4tigung ihres Tuns. Sie war mir auch beim gemeinsamen Essen nicht zugewandt gewesen, ich hatte nur sie selbst reflektiert. Wie ein Spiegel, der einen Lichtstrahl wieder in den Raum zur\u00fcckgibt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333; line-height: 107%; font-family: 'Helvetica',sans-serif; font-size: 11.5pt;\">Bei mir standen die Gew\u00fcrze nie dicht bei einander auf einem Regal, so dass man die hinteren Reihen nicht sehen konnte. Die wenigen Gew\u00fcrze, die ich brauchte, standen weitl\u00e4ufig auf der Arbeitsplatte f\u00fcr jeden sichtbar. Jeder konnte nach ihnen greifen und wenn er wollte sich eine Pfefferm\u00fchle oder ein Metalld\u00f6schen nehmen. Es war nicht einem alleine vorbehalten, der nur zu wissen schien wo welche Kr\u00e4uter standen.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Mutter strukturierte alles um sich herum. Sie wollte auch mich strukturieren. In unserer K\u00fcche hing oberhalb des Esstisches, gerade so hoch und schmal, dass man sich beim Aufstehen nicht den Kopf stie\u00df und noch niedrig genug, um nach den Gew\u00fcrzdosen zu greifen, ein Regalbrett. Auf diesem standen die Gew\u00fcrze meiner Mutter. Die Gew\u00fcrzgl\u00e4ser und -dosen in der ersten Reihe konnte man in dieser H\u00f6he noch erkennen, die Gl\u00e4ser dahinter nicht mehr. Meine Mutter wusste genau wo welches Gew\u00fcrz stand und konnte durch leichtes Schieben die hinteren Gew\u00fcrze schnell und sicher vom Regal nehmen. Sie brauchte sich vom Herd nur umzudrehen und die zwei Schritte zum Regel gehen, um sich ihre Zutaten zu holen. Es gab Gew\u00fcrzgl\u00e4schen, die meine Mutter selbst bef\u00fcllt hatte und an deren Boden ein kleiner Zettel mit dem Namen des Gew\u00fcrz klebte. Meine Mutter musste nie nach den Namen schauen. F\u00fcr die Beschriftung der Gew\u00fcrze nahm sie einen Notizblock aus der Schublade am Esstisch und schrieb in kleinen Druckbuchstaben die Bezeichnung auf. Die Buchstaben standen eng bei einander und fr\u00fcher habe ich ihre deutlich geschriebenen Buchstaben bewundert. Sie sahen wie gedruckt aus. Nie schmierte die schwarze Farbe. Nie bat sie mich einen Namen wie Rosmarin zu schreiben. Mit der Schere schnitt sie eng an den Buchstaben entlang, ohne die Buchstaben zu ber\u00fchren. Auch f\u00fcr mich hatte sie in der K\u00fcche keine Zeit f\u00fcr zarte Ber\u00fchrungen. Es gab Gew\u00fcrzm\u00fchlen aus Glas, in ihnen erkannte ich das grobe, teileweise blau schimmernde Salz. Es war Meersalz aus Frankreich. Es gab alte, hohe Gew\u00fcrzm\u00fchlen aus dunklem Holz. Mit diesen wurden die schwarzen Pfefferk\u00f6rner gemahlen. Dazwischen fanden sich gekaufte Gew\u00fcrze, in den mit dem Markenlabel versehenden kleineren Metalldosen. Komplizierter zu \u00f6ffnen waren die kleinen Dosen bei denen man den flachen und nicht gut zu greifenden Deckel aufdrehen musste. Bei diesen waren die Gew\u00fcrze mir Anfangs nie bekannt und ich durfte auch mit ganz trockenen Fingern nie eine Prise von diesen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Kristallen herausnehmen. Pflanzen, die meine Mutter selbst getrocknet hatte, wurden in kleinen Glasgef\u00e4\u00dfen aufbewahrt. Oft ohne oder mit einem leicht abnehmbaren Deckel. Ich h\u00e4tte sehr gut aufgepasst, dass mir der Deckel nicht herunterfiele, wenn ich das Glas etwas schr\u00e4g liegend in meiner Hand herunter genommen h\u00e4tte. Ich fand, dass getrocknete Kr\u00e4uter nicht riechen. Aber wenn ich andere Gew\u00fcrzd\u00f6schen \u00f6ffnete, breitete sich der starke Duft schnell \u00fcber mein Gesicht aus. Ich sah es bildlich vor mir, wie der Duft sich immer breiter werdend aus der Dose entlang meines Gesichts verteilte und dann kurz vor der Decke sich aufl\u00f6ste. Dieses Aroma verbreitete sich erst wieder, wenn meine Mutter die Kr\u00e4uter \u00fcber einen der T\u00f6pfe zerrieb. Nichts war sch\u00f6ner als den Duft des Essens in der ganzen Wohnung zu riechen. Ich glaube das war auch ihre Struktur. Der Essensgeruch verteilte sich auf eine bestimmte Weise in unserer Wohnung. W\u00e4hrend des Kochens war ich nur Gast meiner Mutter. Ich sa\u00df oder stand irgendwo still und schaute ihr zu. Als ich \u00e4lter wurde und erkannte, dass ich nicht Gast war, sondern wie ein fester Gegenstand wie eine Anrichte oder ein Stuhl, verlie\u00df ich die K\u00fcche. Nachdem sich der Duft des Essen ausgebreitet hatte und ich mich an den Tisch setzte immer oben an die schmale Seite des Tisches und meine Mutter immer an der langen Seite, war ich kein Gast mehr. Beim Essen verteilte sich nicht nur der Geruch des Essens, sondern auch die Zuneigung meiner Mutter. Ich f\u00fchlte mich umsorgt, wenn sie das Gem\u00fcse und Fleisch auf meinem Teller anrichtete. Ich f\u00fchlte mich ernst genommen, wenn sie mich fragte, ob es mir schmeckte. Ich f\u00fchlte mich dazugeh\u00f6rig, wenn sie nachfragte, ob das Fleisch zart genug w\u00e4re und ob das Gem\u00fcse knackig sei oder ob ich die fruchtige Note der So\u00dfe mochte. Sie war mir zugewandt. Ihre Hand lag leicht auf meinem linken Unterarm, w\u00e4hrend ich mir mit der rechten Hand genussvoll die Gabel in den Mund legte. Ich kaute die ersten Bisse ganz langsam und machte ein ernstes Gesicht. Ich lie\u00df mir Zeit mit einer Antwort und a\u00df mehrere Minuten lang, bis ich sprach. Zu kostbar waren die Minuten f\u00fcr mich. Ich wollte das Beisammensein mit meiner Mutter wie das Essen auskosten. Sie a\u00df erst, wenn ich antwortete, was mir an diesem Mahl besonders gut gefiel. Wenn ich Gew\u00fcrze herausschmeckte und sie nannte, streichelte sie anerkennend meinen Arm. Die H\u00e4rchen stellten sich auf und das wohlige k\u00f6rperliche Gef\u00fchl mischte sich mit gl\u00fccklichen Gedanken. Ich zerschnitt das Fleisch so wie sie es mir zeigte, ich zerdr\u00fcckte die Kartoffeln, wenn sie mich dazu aufforderte und ich nahm nur so viel So\u00dfe wie sie es sagte. Sie sagte mir allerdings nicht wie ich leben sollte. Ich begann mich von dem Gef\u00fchl ein K\u00fcchenschrank zu sein, dessen Schubladen jeder \u00f6ffnen und schlie\u00dfen konnte, zu l\u00f6sen. Ich machte mir meine eigenen Gedanken. Nicht alle Kr\u00e4uter erg\u00e4nzten sich gut und gaben einem Gericht eine bestimmte Geschmacksrichtung. Nicht alles schmeckte s\u00fc\u00df und war leicht verdaulich. Es gab Pflanzen, die kamen mit wenig Wasser und Sonne aus. Und es gab mich, die mehr Licht und W\u00e4rme aufnehmen musste. An einem ersten richtig warmen Fr\u00fchlingstag gab es Pellkartoffeln, die nachdem das Wasser abgesch\u00fcttet war, im Topf mit ein bisschen Butter angebraten wurden. Ihre Schale wurde dunkler und kross. Sie schmeckten nach Salz und Butter. Auf dem Tisch stand eine wei\u00dfe Schale mit Kr\u00e4uterquark. Meine Mutter hatte daf\u00fcr am Vormittag Petersilie, Schnittlauch und Kresse im Garten und aus den T\u00f6pfen gepfl\u00fcckt. Ich wusste wie sie aussah, wenn sie in die Hocke ging und ihre Sch\u00fcrze die Steine, die zwischen den Beeten lagen, ber\u00fchrte. Sie hatte eine Schere dabei und schnitt den Schnittlauch weit unten ab. Immer wieder fuhren ihre Finger zwischen die Halme, griffen nach mehreren Halmen, pressten sie leicht zusammen und schnitten dann das B\u00fcndel ab. Sie legte die Halme in ein kleines Sieb, um sie sp\u00e4ter unter dem Wasserstrahl abzusp\u00fclen. Zu den Pellkartoffeln mit Kr\u00e4uterquark gab es Lachs. Dieser wurde zuerst in der Pfanne von beiden Seiten angebraten und anschlie\u00dfend mit der Hautseite nach unten in einer Auflaufform im Ofen fertig gegart. Oft legte meine Mutter kleine Tomaten, Paprika oder St\u00fccke vom Staudensellerie dazu. Bis zu diesem Tag war das mein Lieblingsessen. Ich nahm mit der Gabel ein St\u00fcck Lachs auf und streifte mit der Seite etwas vom Quark. Die Kartoffel wollte ich anschlie\u00dfend essen. Ich hatte den Lachs noch nicht im Mund, als meine Mutter sagte: \u201eDer Kr\u00e4uterquark geh\u00f6rt zu den Kartoffeln.\u201c Bisher hatten wir uns bei Tisch nur \u00fcber das Essen und die verschiedenen Geschmacksrichtungen unterhalten. Ich wei\u00df nicht warum ich \u00fcberhaupt Antwort gab. H\u00e4tte ich fr\u00fcher nicht den Lachs von der Gabel wieder sanft auf den Teller geschoben und mit einer neuen Bewegung ein St\u00fcck Kartoffel in den Quark getunkt und dann mit vielen Bissen das Essen genossen? Ich sagte: \u201eDas wei\u00df ich. Ich mag den Quark aber auch auf dem Lachs.\u201c Ich schlug vor, den Quark beim n\u00e4chsten Mal mit Knoblauch zu w\u00fcrzen. Ich hatte mir schon viele Rezeptvarianten \u00fcberlegt und freute mich heimlich auf eine eigene K\u00fcche und ein eigenes Kochen. Bei einer Freundin durften wir gemeinsam mit der Mutter kochen und Gerichte ausprobieren. Dann standen wir zu dritt in einer kleinen K\u00fcche, ber\u00fchrten uns beim Schnippeln leicht an den Schultern und warfen gemeinsam das Gem\u00fcse in den Topf. Alles war bunt, durcheinander und ich nicht wie ein K\u00fcchenutensil. Hatte ich meiner Mutter das nicht erz\u00e4hlt? Ihre Mundwinkel h\u00e4tten sich verzogen und sie h\u00e4tte etwas in der Art gesagt, wie dass mir so etwas nicht zustand. Sie hatte mich nicht ernst genommen, sie wollte bei ihren Gerichten wie bei anderen Sachen, eine Best\u00e4tigung ihres Tuns. Sie war mir auch beim gemeinsamen Essen nicht zugewandt gewesen, ich hatte nur sie selbst reflektiert. Wie ein Spiegel, der einen Lichtstrahl wieder in den Raum zur\u00fcckgibt. Bei mir standen die Gew\u00fcrze nie dicht bei einander auf einem Regal, so dass man die hinteren Reihen nicht sehen konnte. Die wenigen Gew\u00fcrze, die ich brauchte, standen weitl\u00e4ufig auf der Arbeitsplatte f\u00fcr jeden sichtbar. Jeder konnte nach ihnen greifen und wenn er wollte sich eine Pfefferm\u00fchle oder ein Metalld\u00f6schen nehmen. Es war nicht einem alleine vorbehalten, der nur zu wissen schien wo welche Kr\u00e4uter standen. &nbsp; &nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1364,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-856","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kurzgeschichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schmitzendrin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/856","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schmitzendrin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schmitzendrin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schmitzendrin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schmitzendrin.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=856"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.schmitzendrin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/856\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":983,"href":"https:\/\/www.schmitzendrin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/856\/revisions\/983"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schmitzendrin.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1364"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schmitzendrin.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=856"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schmitzendrin.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=856"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schmitzendrin.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=856"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}