Das Gewürzregal

Meine Mutter strukturierte alles um sich herum. Sie wollte auch mich strukturieren.

In unserer Küche hing oberhalb des Esstisches, gerade so hoch und schmal, dass man sich beim Aufstehen nicht den Kopf stieß und noch niedrig genug, um nach den Gewürzdosen zu greifen, ein Regalbrett.

Auf diesem standen die Gewürze meiner Mutter. Die Gewürzgläser und -dosen in der ersten Reihe konnte man in dieser Höhe noch erkennen, die Gläser dahinter nicht mehr. Meine Mutter wusste genau wo welches Gewürz stand und konnte durch leichtes Schieben die hinteren Gewürze schnell und sicher vom Regal nehmen. Sie brauchte sich vom Herd nur umzudrehen und die zwei Schritte zum Regel gehen, um sich ihre Zutaten zu holen.

Es gab Gewürzgläschen, die meine Mutter selbst befüllt hatte und an deren Boden ein kleiner Zettel mit dem Namen des Gewürz klebte. Meine Mutter musste nie nach den Namen schauen. Für die Beschriftung der Gewürze nahm sie einen Notizblock aus der Schublade am Esstisch und schrieb in kleinen Druckbuchstaben die Bezeichnung auf. Die Buchstaben standen eng bei einander und früher habe ich ihre deutlich geschriebenen Buchstaben bewundert. Sie sahen wie gedruckt aus. Nie schmierte die schwarze Farbe. Nie bat sie mich einen Namen wie Rosmarin zu schreiben. Mit der Schere schnitt sie eng an den Buchstaben entlang, ohne die Buchstaben zu berühren. Auch für mich hatte sie in der Küche keine Zeit für zarte Berührungen.

Es gab Gewürzmühlen aus Glas, in ihnen erkannte ich das grobe, teileweise blau schimmernde Salz. Es war Meersalz aus Frankreich. Es gab alte, hohe Gewürzmühlen aus dunklem Holz. Mit diesen wurden die schwarzen Pfefferkörner gemahlen.

Dazwischen fanden sich gekaufte Gewürze, in den mit dem Markenlabel versehenden kleineren Metalldosen. Komplizierter zu öffnen waren die kleinen Dosen bei denen man den flachen und nicht gut zu greifenden Deckel aufdrehen musste. Bei diesen waren die Gewürze mir Anfangs nie bekannt und ich durfte auch mit ganz trockenen Fingern nie eine Prise von diesen außergewöhnlichen Kristallen herausnehmen.

Pflanzen, die meine Mutter selbst getrocknet hatte, wurden in kleinen Glasgefäßen aufbewahrt. Oft ohne oder mit einem leicht abnehmbaren Deckel. Ich hätte sehr gut aufgepasst, dass mir der Deckel nicht herunterfiele, wenn ich das Glas etwas schräg liegend in meiner Hand herunter genommen hätte. Ich fand, dass getrocknete Kräuter nicht riechen. Aber wenn ich andere Gewürzdöschen öffnete, breitete sich der starke Duft schnell über mein Gesicht aus. Ich sah es bildlich vor mir, wie der Duft sich immer breiter werdend aus der Dose entlang meines Gesichts verteilte und dann kurz vor der Decke sich auflöste. Dieses Aroma verbreitete sich erst wieder, wenn meine Mutter die Kräuter über einen der Töpfe zerrieb. Nichts war schöner als den Duft des Essens in der ganzen Wohnung zu riechen. Ich glaube das war auch ihre Struktur. Der Essensgeruch verteilte sich auf eine bestimmte Weise in unserer Wohnung.

Während des Kochens war ich nur Gast meiner Mutter. Ich saß oder stand irgendwo still und schaute ihr zu. Als ich älter wurde und erkannte, dass ich nicht Gast war, sondern wie ein fester Gegenstand wie eine Anrichte oder ein Stuhl, verließ ich die Küche.

Nachdem sich der Duft des Essen ausgebreitet hatte und ich mich an den Tisch setzte immer oben an die schmale Seite des Tisches und meine Mutter immer an der langen Seite, war ich kein Gast mehr. Beim Essen verteilte sich nicht nur der Geruch des Essens, sondern auch die Zuneigung meiner Mutter. Ich fühlte mich umsorgt, wenn sie das Gemüse und Fleisch auf meinem Teller anrichtete. Ich fühlte mich ernst genommen, wenn sie mich fragte, ob es mir schmeckte. Ich fühlte mich dazugehörig, wenn sie nachfragte, ob das Fleisch zart genug wäre und ob das Gemüse knackig sei oder ob ich die fruchtige Note der Soße mochte.

Sie war mir zugewandt. Ihre Hand lag leicht auf meinem linken Unterarm, während ich mir mit der rechten Hand genussvoll die Gabel in den Mund legte. Ich kaute die ersten Bisse ganz langsam und machte ein ernstes Gesicht. Ich ließ mir Zeit mit einer Antwort und aß mehrere Minuten lang, bis ich sprach. Zu kostbar waren die Minuten für mich. Ich wollte das Beisammensein mit meiner Mutter wie das Essen auskosten. Sie aß erst, wenn ich antwortete, was mir an diesem Mahl besonders gut gefiel. Wenn ich Gewürze herausschmeckte und sie nannte, streichelte sie anerkennend meinen Arm. Die Härchen stellten sich auf und das wohlige körperliche Gefühl mischte sich mit glücklichen Gedanken.

Ich zerschnitt das Fleisch so wie sie es mir zeigte, ich zerdrückte die Kartoffeln, wenn sie mich dazu aufforderte und ich nahm nur so viel Soße wie sie es sagte.

Sie sagte mir allerdings nicht wie ich leben sollte. Ich begann mich von dem Gefühl ein Küchenschrank zu sein, dessen Schubladen jeder öffnen und schließen konnte, zu lösen. Ich machte mir meine eigenen Gedanken. Nicht alle Kräuter ergänzten sich gut und gaben einem Gericht eine bestimmte Geschmacksrichtung. Nicht alles schmeckte süß und war leicht verdaulich. Es gab Pflanzen, die kamen mit wenig Wasser und Sonne aus. Und es gab mich, die mehr Licht und Wärme aufnehmen musste.

An einem ersten richtig warmen Frühlingstag gab es Pellkartoffeln, die nachdem das Wasser abgeschüttet war, im Topf mit ein bisschen Butter angebraten wurden. Ihre Schale wurde dunkler und kross. Sie schmeckten nach Salz und Butter. Auf dem Tisch stand eine weiße Schale mit Kräuterquark. Meine Mutter hatte dafür am Vormittag Petersilie, Schnittlauch und Kresse im Garten und aus den Töpfen gepflückt. Ich wusste wie sie aussah, wenn sie in die Hocke ging und ihre Schürze die Steine, die zwischen den Beeten lagen, berührte. Sie hatte eine Schere dabei und schnitt den Schnittlauch weit unten ab. Immer wieder fuhren ihre Finger zwischen die Halme, griffen nach mehreren Halmen, pressten sie leicht zusammen und schnitten dann das Bündel ab. Sie legte die Halme in ein kleines Sieb, um sie später unter dem Wasserstrahl abzuspülen.

Zu den Pellkartoffeln mit Kräuterquark gab es Lachs. Dieser wurde zuerst in der Pfanne von beiden Seiten angebraten und anschließend mit der Hautseite nach unten in einer Auflaufform im Ofen fertig gegart. Oft legte meine Mutter kleine Tomaten, Paprika oder Stücke vom Staudensellerie dazu. Bis zu diesem Tag war das mein Lieblingsessen.

Ich nahm mit der Gabel ein Stück Lachs auf und streifte mit der Seite etwas vom Quark. Die Kartoffel wollte ich anschließend essen. Ich hatte den Lachs noch nicht im Mund, als meine Mutter sagte: „Der Kräuterquark gehört zu den Kartoffeln.“

Bisher hatten wir uns bei Tisch nur über das Essen und die verschiedenen Geschmacksrichtungen unterhalten. Ich weiß nicht warum ich überhaupt Antwort gab. Hätte ich früher nicht den Lachs von der Gabel wieder sanft auf den Teller geschoben und mit einer neuen Bewegung ein Stück Kartoffel in den Quark getunkt und dann mit vielen Bissen das Essen genossen?

Ich sagte: „Das weiß ich. Ich mag den Quark aber auch auf dem Lachs.“ Ich schlug vor, den Quark beim nächsten Mal mit Knoblauch zu würzen. Ich hatte mir schon viele Rezeptvarianten überlegt und freute mich heimlich auf eine eigene Küche und ein eigenes Kochen. Bei einer Freundin durften wir gemeinsam mit der Mutter kochen und Gerichte ausprobieren. Dann standen wir zu dritt in einer kleinen Küche, berührten uns beim Schnippeln leicht an den Schultern und warfen gemeinsam das Gemüse in den Topf. Alles war bunt, durcheinander und ich nicht wie ein Küchenutensil.

Hatte ich meiner Mutter das nicht erzählt? Ihre Mundwinkel hätten sich verzogen und sie hätte etwas in der Art gesagt, wie dass mir so etwas nicht zustand. Sie hatte mich nicht ernst genommen, sie wollte bei ihren Gerichten wie bei anderen Sachen, eine Bestätigung ihres Tuns. Sie war mir auch beim gemeinsamen Essen nicht zugewandt gewesen, ich hatte nur sie selbst reflektiert. Wie ein Spiegel, der einen Lichtstrahl wieder in den Raum zurückgibt.

Bei mir standen die Gewürze nie dicht bei einander auf einem Regal, so dass man die hinteren Reihen nicht sehen konnte. Die wenigen Gewürze, die ich brauchte, standen weitläufig auf der Arbeitsplatte für jeden sichtbar. Jeder konnte nach ihnen greifen und wenn er wollte sich eine Pfeffermühle oder ein Metalldöschen nehmen. Es war nicht einem alleine vorbehalten, der nur zu wissen schien wo welche Kräuter standen.

 

 

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