Hinter den Gardinen fliegt ein Mann zum Mond

Herr Modd muss sich vorbereiten. Er ist konzentriert, angespannt und er fühlt sich nicht wohl. In drei Tagen wird er zum Mond fliegen. Jahre der Vorbereitungen liegen hinter ihm. Alles in seinem Leben ist auf diesen Flug ausgerichtet.

Er kennt das smart formulierte Ziel „einen Menschen zum Mond und sicher wieder zurückzubringen“. Das Zurückkommen ist ihm besonders wichtig.

Er weiß, dass sich noch nie ein Mensch von zu Hause aus, auf eine Mondreise vorbereitet hat. Aber die Gelder sind knapp und die Menschheit nicht mehr an den Mondreisen interessiert. Mondreisen gibt es schon zu lange. Man geht davon aus, dass eine intensive Vorbereitung nicht notwendig ist. Das meiste werden die Computer sowohl vom Wohnzimmer aus als auch an Bord erledigen.

Viele Firmen bieten Anleitungen für die Reise zum Mond an. Die Dokumente, in allen Sprachen der Welt, kann sich jeder im Internet anschauen und herunterladen. Herr Modd hatte seine Unterlagen von einem, ihm seriös erscheinenden Unternehmen, bestellt. Die Moon & Solution Company war seit Jahrzehnten in diesem Bereich tätig und wies viele Zertifikate aus, die in farbigen Animationen auf der Webseite hin- und herflogen.

Ist ein Ausstieg auf dem Mond vorgesehen? Herr Modd überlegte, ob etwas dazu im Projekt ausgesagt wurde. Er würde später in seinen Unterlagen nachschauen.

Die aktuellen Dokumente hatte Herr Modd nicht mehr gelesen. Es war mühevoll für ihn, die kleinen eng bei einander stehenden Buchstaben auf dem Bildschirm zu erkennen. Seine Brillengläser schienen für diese Art des Sehens nicht gemacht zu sein.

Dass der Postbote die großen, dick gefüllten Umschläge auf die Fußmatte vor die Tür legte, war Jahre her.

Er nahm sich vor, die aktuellen Anweisungen gründlich zu lesen und auswendig zu lernen. Wenn er jetzt noch nicht einmal wusste, ob er auf dem Mond aussteigen sollte oder nicht, würde seine Reise nicht geordnet ablaufen. Vielleicht gab es dann keine Gewährleistung für seine Rückreise.

Herr Modd ging zum Fenster und schob die Gardinen einen Spaltbreit zur Seite. Die Gardinen waren strahlend weiß, wie sie schon vor über 50 Jahren strahlend weiß gewesen waren. Das war ihm wichtig. Er ließ sie professionell reinigen. Ein Mitarbeiter der Reinigungsfirma kam vorbei, um sie abzuhängen und ein paar Tage später wieder vor den Fenstern aufzuhängen. Während dieser Tage bereitete sich Herr Modd nicht auf den Weltraumflug vor. Er fühlte sich ohne Gardinen im Wohnraum nicht wohl. Er konnte, auch wenn er hinten im Zimmer an der Wand stand, den Gehweg und den gegenüberliegenden Parkplatz sehen. Die Reinigung der Vorhänge war das Einzige in seinem Leben, das nicht auf die Mondreise ausgerichtet war. Lieber setzte er die Übungen und technischen Abläufe für ein paar Tage aus, als die Gardinen zu vernachlässigen.

Die Vorhänge waren von Beginn an, ein Teil des Wohnraumes. Seit dem ersten Tag, als seine Großeltern, seine Eltern und der kleine Junge, in das Haus einzogen. Er stand am Fenster, als seine Oma energisch mit den zusammengerollten Stoffen das Wohnzimmer betrat und von ihrem Mann forderte, dass die Anbringung des Gardinenbrettes als Erstes zu tun sei. Sie war wie seine Mutter eine zähe Frau, die die Gardinenrolle so lange fest unter ihrem Arm hielt, bis der Großvater eine Leiter aufstellte und sie aufsteigen konnte.

Gab es Gardinen in der Raumfähre? Konnte er seinen Blick vor dem Weltraum verschließen? Auch bei dieser Frage war sich Herr Modd sicher, dass die Ausführungen in den Unterlagen standen.

Er würde nach seiner Rückkehr, eine Reinigung der Gardinen prüfen. Mit den Gardinenrollen war der Stoff leicht hin- und her zu schieben. Das Kölner Brett, an dem sie befestigt waren, war nicht modern, aber sehr gut erhalten.

Dieser Zustand galt auch für die Raumfähre. Herr Modd träumte als Junge zum Mond zu fliegen und seine Eltern boten ihm Erspartes, Zeit und seelische Unterstützung. Er hatte keine Gelegenheit gehabt, seinen Traum loszuwerden.

Aus kleinen Papprollen hatte er eine Rakete gebastelt und angemalt. Er wünschte sich, dass seine Rakete mit den gelben und roten Wachsmalfarben im All leuchten würde. Die Farbe wurde mit jedem Anfassen verwischt und nach ein paar Tagen sah die Rakete wie das Grau der Pappe aus. Den Eltern kam ihr Sohn sehr traurig vor, so dass sie ihm eine Spielzeugrakete aus Plastik kauften, obwohl er weder Geburtstag hatte noch Weihnachten war. Er wusste, dass seine Eltern das Geld aus der Haushaltskasse genommen hatten. Er aß ohne zu murren, das trockene Brot, das nur mit Butter oder etwas Marmelade beschmiert war. Als Mahnmal stellte er die Rakete neben sich auf den Esstisch. Beim Kauen des trockenen Brotes, dachte er über die Möglichkeiten nach, nicht mehr mit der Rakete zu spielen, ohne seine Eltern zu enttäuschen.

Als alle Tätigkeiten des Familienlebens auf die Mondreise ausgerichtet waren, hatte Herr Modd keine eigenen Vorstellungen für eine berufliche Zukunft. Auch später, als er der Mondreise kritisch gegenüber stand, hatte er keine Ideen für eine Beschäftigung.

Im Laufe seines Lebens wurde eine Reise zum Mond für die Gesellschaft immer unspektakulärer. Daraufhin schoben seine Eltern das schwere Sofa in den Flur und verstauten die anderen Möbel in den weiteren Räumen. Der Wohnraum bot ihm den nötigen Platz für seine Vorbereitungen.

Dass Mondreisen inzwischen über Reisbüros buchbar waren, erzählte er seinen Eltern nicht. „Wir werden dein großes Abenteuer sehen, du wirst über uns hinwegfliegen“, flüsterte ihm der Vater am Sterbebett zu.

Da wusste Herr Modd endgültig, dass er weiter Atemübungen und das Bedienen der Steuerinstrumente üben würde. Für das Durchgehen der Abläufe in der Schwerelosigkeit gab es seit Jahren keinen Anbieter mehr.

Am 21. Juli bestieg ein älterer Mann eine Raumfähre. Unter seinem rechten Arm klemmten zusammengerollte, strahlend weiße Gardinen. Er kehrte nicht zurück. In den Medien wurde nicht darüber berichtet. Firmen erhoben längst keine Statistiken mehr, über erfolgreiche und nicht erfolgreiche Flüge zum Mond. Nur in der Todesanzeige, die eine befreundete Nachbarin aufgeben hatte, war von einem letzten großen Abenteuer die Rede.

Ich weiß was passiert ist. Nachdem die Rakete erfolgreich aus der Erdumlaufbahn ausgetreten war und im Bereich des Mondes schwebte, zog Herr Modd den ihm zugewiesenen Raumanzug an. Schwergängig schritt er mit den Gardinen, die wie eine Art Rucksack an seinem Rücken saßen, in einen Vorraum. Dort drehte er mehrere Rädchen und Lenkvorrichtungen und stieg durch die dann geöffnete Luke. Er kletterte an der Außenwand entlang zu einer von ihm vorher ausgesuchten Stelle. Dort zog er den Gardinen-Rucksack aus und warf das zusammengerollte Bündel ohne zu Zögern über Bord. Ich weiß nicht, ob er sah wie die Rolle sich entfaltete und die Gardinen wie Segel durch das Weltall schwebten. Er starb.

Hätte er die Dokumente über den Flug zum Mond aufmerksam gelesen, hätte er gewusst, dass die Gardinen nie auf der Erde landen würden. Er hätte gewusst, dass sie in die Umlaufbahn des Mondes geraten. Er hätte gewusst, dass die strahlend weißen Gardinen nicht Weiß bleiben und langsam zu Stofffetzen werden, die sich dann ganz auflösen.

 

 

 

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